Kurt Leonhard: Begegnung mit einem Maler

Jörg Eberhard ist weder ein „Neuer Wilder“ noch ein
Neokonstruktivist. Er verbindet nicht nur biomorphe mit
kristallinischen Formen, nicht nur Planimetrie mit Stereometrie,
nicht nur Dingfragmente mit Bildausschnitten, nicht nur
Gegenständliches mit Abstraktem, nicht nur schräg übereinander
gelappte einander schwerelos unterschneidende Farbfelder oder
Flächenzeichnungen mit gewichtigen, suggestiv in die Tiefe
projizierten Kuben, Kugeln und Raumgerüsten, sondern zuerst und
vor allem: objektive Planung mit subjektiver Poesie. Alles entspringt
aus dem visuellen Erleben der Welt, die unsere Sinne überfüllt, alles
bezeugt zugleich das psychische Erleiden der Zeit, in die wir
geworfen sind. Eine Weltzeit, die uns die Aufgabe zu stellen scheint,
das Nebeneinander von unvereinbaren Gegensätzen, das polymorphe
Stückwerk pluralistischer Ansichten, zu einem erträglichen
Konglomerat zu vereinigen, ohne die elementare Verschiedenheit der
aufeinanderprallenden Eindrücke zu verwischen.
Die Bildwelt des Malers Jörg Eberhard ist eine Drehbühne von
dialektischen Antithesen, die unserem Weltbild der Polaritäten und
Korrespondenzen entspricht. Keine reine Flächenkomposition, aber
erst recht kein zentralperspektivischer Illusionsraum. Statik in
Dynamik aufgesplittert, die in sich ruhende Kreisform durch die
bipolaren Kraftfelder ruheloser Ellipsen verdrängt, der „Verlust der
Mitte“ nicht beklagt, sondern definitiv bejaht. Dazu gehört auch die
Beobachtung von Wahrnehmungserlebnissen aus und in der
Bewegung, umgekippte Landschaft vom Fahrrad gesehen, verkehrte
Welt aus dem Flug oder im freien Fall.

Gestörte Stilleben:
Fahrräder strecken sich zu oblongen Torpedos,
Sternbilder, zur Erde gestürzt, werden Pflanzenformen oder
Steinsetzungen,
Teller erwachen als rollende Monde,
Tische verwandeln sich in ferne Häuser oder hängende Gärten.
Gestapelte Ordnungen, von suchenden Händen aufgerissen,
übereinandergeschoben, auseinandergestoßen:
Stilleben ohne Stille

Die Gegenstände der Wahrnehmung, obgleich fragmentiert, bleiben
erkennbar, ein Bild kann aus konglomerierten Ausschnitten
mehrerer ganz verschiedener Bilder zusammenschießen, gemalte
Collagen, vorgetäuschte Montagen irritieren den Blick. Eine höhere
ideale Ordnung scheint noch nicht erlaubt zu sein, es sei denn eine
Ordnung des Spiels, das die freie Verschieblichkeit kontradiktorischer
Wahrnehmungen gestattet.
Die Welt, die schon bei Cezanne ins Wanken geraten war - wie aus
der Kurve eines fahrenden Eilzugs gesehen -, hier wird sie in
tänzerischen Rhythmen auf den Kopf gestellt. Eine Sonderform der
poetischen Paradoxie, die so viel gerade der ehrlichsten Künstler,
Dichter und Forscher unserer Zeit als vorläufug letzte Sinngebung
des Sinnlosen anzubieten haben.