Prof. Jörg Eberhard | Havin Al-Sindy im Kunstverein Linz am Rhein
23. April 2022

Seit dem Beginn der römischen Kunst vor mehr als 2000 Jahren beginnt die Kunst sich von der reinen Anschaulichkeit zu verabschieden, und sich in ein Bezugssystem von geschriebenen Texten zu begeben → Religion, Mythen, Rechtssystem.
Dies führte z.B. zu den enormen Ergebnisse der christlichen Kunst, aber auch in heutiger Zeit zu dem Punkt, dass sich ein Kontext aus Theorie und Recherche um „kein Kunstwerk“ herum gruppiert, und sozusagen eine Leerstelle bedeutsam macht.
Dass dies eine kritische Situation für den Bestand und die Wirksamkeit von Kunst ist, braucht nicht betont werden.

Es ist schön, mit welcher Hartnäckigkeit der Kunstverein Linz am Rhein Kunst ausstellt, die weiter auf Sichtbarkeit und Haptik besteht, ohne rückwärtsgewandt zu sein.

Und auch, dass er eine Arbeit von Havin Al-Sindy ausstellt, ist bemerkenswert, denn sie greift auf aktuellen Kontext zu, nimmt diesen aber in ihr sozusagen anfassbares Werk hinein, und kontert das Verschwinden des Kunstwerks durch eigene Malereien und Skulpturen, die teils in sich schon den Verfall eingearbeitet haben.

Und es macht einen Unterschied, ob man als Künstler*in eine dingliche Kunst macht, im Glauben, dass das doch seine Richtigkeit habe, oder ob man erkennt, wo sich die kritischen Punkte in der aktuellen Kunst befinden, und diese versucht, in ein neues Werk zu integrieren, statt sich diesen auszuliefern.

Erst neulich an Aschermittwoch wurden wir zumindest christlich erinnert, dass wir aus Asche sind und zu Asche werden.
Auch Künstler*innen können aus Farbpasten Menschen erstehen lassen, aber sie können den Figuren Gestalt, aber kein Leben einhauchen.
Zum Beispiel erinnert Gustav Meyrink in seinem Buch „Golem“ daran, in welchem dem aus Ton geformten Golem Leben gegeben wird, indem ihm jüdisch „Wahrheit“ auf die Stirn geschrieben wird.

Havin Al-Sindy formt hier aus Lehm einen Berg, der sich langsam in eine menschliche Gestalt transformiert. Oder ist es eine Landschaft, in die wir metaphorisch einen Menschen hineinsehen?
Kleine Figuren wandern auf dieser Landschaftsfigur herum, teils wie kleine Menschen, teils wie kleine Organe die herausstehen.

Umgeben ist der Berg von Luft, → trocknet, weil er dem Feuer der Sonne ausgesetzt ist, → bestehen tut er aus Erde, und Havin Al-Sindy pumpt nun langsam → Wasser in ihn hinein, und macht ihn feucht.
Alle vier Elemente sind da und zusammengemischt, also die Zutaten, die die Herstellung des Golem auch braucht.
Hier allerdings nimmt das Wasser überhand, wird die Gestalt langsam aufweichen und zum zusammenbrechen bringen → die Figur geht zurück zur Asche.
→ Aber auch geht die künstlerische Gestalt zurück in die Unförmigkeit, aus dem Kontext der Kultur hinaus, in den Kontext der Natur zurück.

Al-Sindy berichtet aus ihrer Kindheit von Erzählungen von „westlichen Frauen“: „Gerade, wie Linien, stehen sie. Sie haben langes, glattes Haar und ihre Kleider leuchten rot (...)“sagte die Tante zu einem Kind.
Havin Al-Sindy begreift diese Erzählung der Tante sowohl als eine von gleichsam angeborener europäischer Überlegenheit, aber auch als unerreichbares Ziel, wie eine Frau auszusehen hat.

Dem setzt sie ihre Lehmkörper entgegen, die vielfältig und in gewissem Sinne unschön sind.
Körperteile schwirren durcheinander, trennen sich und finden teils zu neuen Gestalten zusammen.
Alles ist schnell und skizzenhaft hingeworfen, im Bewusstsein, dass das auch alles sehr schnell verschwinden kann.

Einige Bilder sind auf selbstgefertigten Tonplatten gemalt, zerbrechlich und durch alles mögliche gefährdet. Diese Bilder erscheinen hier in Linz, und sind danach eventuell kaputt, nur noch als fotografiertes Dokument erinnerbar.

Ein Bild hängt an der Wand, nur die Tafel hängt an der Wand, das Bildrelief ist abgestürzt und zerbrochen. Das war kein Unfall, sondern ist so inszeniert.

Was sagt Havin Al-Sindy uns? Dass unsere leibliche Existenz immer eine vorübergehende und gefährdete ist.
Aber: dem kann durch unentwegtes Aufbauen, Schützen, Formen und Pflegen entgegengewirkt werden.
→ In dem VR-Video wird der Leib gewaschen, der Lehm abgestreift, denn der Körper lebt noch, ist noch nicht wieder Lehm und will sich von diesem befreien.