Gabriele Uelsberg


Der Strom der Dingwelt im Zeittunnel der Betrachtung



Die Bildgemälde von Jörg Eberhard sind Kompositionen voll von Gegenständen, die der Künstler aus seinem ganz persönlichen Assoziations- und Erfahrungspotenzial entnommen und entwickelt hat. Oft sind es Dinge des täglichen Gebrauchs wie eine Kaffeekanne, manchmal ist es ein Gegenstand mit besonderer kultischer Bedeutung wie ein Kelch, immer wieder sind es Objekte der Kommunikation wie Telefon, Handy oder Faxgerät oder es handelt sich um Artefakte längst vergangener Kulturen wie antike Vasen. Die Liste aller möglichen Dinge wäre beliebig fortsetzbar und wird immer wieder in den Arbeiten um neue Elemente erweitert, denn diese bilden das zentrale Motiv der bildkünstlerischen Gestaltungsweise. Ihre malerische Umsetzung erfolgt als Umzeichnung, wobei das Objekt in einem einzigen Strich allein aus dem Umriss heraus definiert ist. Diese Unmittelbarkeit der Darstellung wird durch die Farbgestaltung noch unterstrichen, die bewusst flächig und monochrom gehalten ist.

Die Lesbarkeit der Objekte wird dadurch zum einen erleichtert, zum andern entsteht für die einzelnen Objektzeichen ein Grad der Verrätselung, der sie in ihrer Abstraktion steigert und so zu neuen Bildformsymbolen werden lässt, unabhängig von ihrer Gegenstandsbezeichnung.

Eberhard verwendet die so aus den Gegenständen gebildeten Bildformen nun wie ein malerisches Alphabet aus Wörtern und Wortbedeutungen, die er zu immer neuen Geschichten und Kontexten zusammenwebt. Diese Bildsprache schließt sowohl archaische wie moderne Zeichen ein und greift wie in einer semiotischen Grammatik archetypische wie aktuelle Symbolsprachen auf. Jörg Eberhard gelingt es so in seinen Bildkompositionen, einen unablässig fließenden Strom von Gedanken, Assoziationen, Verweisen und Empfindungen simultan erfahrbar zu machen, wobei sich die Bilder selbst in ihrer Realisation methodisch durch Dichte und Komprimierung ausweisen. Die Bildobjekte stehen für Aspekte von Geschichte, Inhaltlichkeit, Zeit und Vernetzung. Die Malerei selbst steht in der Tradition von Malerei schlechthin. Dies ist vor allen Dingen unter dem Aspekt ikonographischer Bedeutung und ikonographischer Lesbarkeit wichtig. Die Bildelemente, die Eberhard aus seiner persönlichen Weltwahrnehmung extrahiert, werden zu Sendboten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und schaffen für jedes einzelne Bild einen inhaltlichen Kontext, der sich immer wieder neu entschlüsselt und wieder verrätselt. Die Vergesellschaftung von historischen Dingen neben gleichsam tagesaktuellen Neuerungen unserer technischen Welt setzt dabei bewusste Akzente im Hier und Jetzt und überprüft die Realität und deren Wahrnehmung immer wieder aufs Neue auf Inhalte und Symbole gleichermaßen. Das künstlerische Stilmittel der Silhouette, das Jörg Eberhard dabei in der Umsetzung der Gegenständlichkeit benutzt, jede plastische Gestaltung vermeidend, lädt diese Elemente mit einer besonderen Inhaltlichkeit auf, die ihnen fehlen würde, wenn sie allzu realistisch im Bild dargestellt wären. Die Dinge stehen gleichsam für die Idee und die Erinnerung.

Dieser Aspekt erinnert an das Höhlengleichnis von Platon, das er im siebten Buch des Staates formuliert hat. Platon beschreibt eine Gruppe von Menschen, die in einer unterirdischen Höhle wohnen. Diese Menschen kehren dem Eingang die Rücken zu und sind am Hals und an den Füßen festgebunden, weshalb sie nur die Höhlenwand ansehen können. Hinter ihnen erhebt sich eine hohe Mauer, und hinter dieser Mauer wiederum gehen menschenähnliche Gestalten vorbei, die verschiedene Gegenstände über den Mauerrand hochhalten. Da sich hinter diesen Figuren ein Feuer befindet, werfen die Gegenstände auf der Höhlenwand nur Schatten. Das einzige, was die Menschen in der Höhle sehen können, ist also dieses Schattentheater. Sie sitzen seit ihrer Geburt hier und halten die Schatten folglich für das Einzige, was es gibt. Nun fordert Platon auf sich vorzustellen, einer von diesen Höhlenbewohnern könne sich aus seiner Gefangenschaft befreien. Zuerst fragt er sich, woher die Schattenbilder an der Höhlenwand kommen. Schließlich kann er sich freimachen. Er dreht sich zu den Figuren um, die über die Mauer gehalten werden. Nachdem er zunächst von dem scharfen Licht geblendet wird, trifft ihn der Anblick der scharf umrissenen Figuren. Im Freien dann würde er noch mehr geblendet sein und die Welt in ihrer Realität das erste Mal erkennen. Nachdem er in die Höhle zurückkehrt und den anderen erklären will, dass die Schattenbilder an der Höhlenwand nur zitternde Nachahmungen des Wirklichen sind, trifft er auf Unverständnis, wird missverstanden und getötet.

Was Platon im Höhlengleichnis schildert, ist der Weg des Philosophen von den unklaren Vorstellungen zu den wirklichen Ideen hinter den Phänomenen in der Natur. Es geht Platon hier darum, dass das Verhältnis zwischen der Finsternis der Höhle und der Natur draußen dem Verhältnis zwischen den Formen der Natur und der Ideenwelt entspricht.

Platon interessierte sich für die Beziehung zwischen dem, was auf der einen Seite ewig und unveränderich ist und dem, was auf der anderen Seite fließt. Er versuchte, eine eigene Wirklichkeit zu erfassen, die ewig und unveränderlich ist. Er war der Ansicht, dass alles, was in der Natur zu greifen und zu fühlen ist, gleichzeitig fließt. Nach seiner Philosophie gibt es keine Grundstoffe, die nicht gleichzeitig in Auflösung übergehen. Absolut alles, was der Sinnenwelt angehört, besteht aus einem Material, an dem die Zeit zehrt. Gleichzeitig jedoch wird alles nach einer zeitlosen Form gebildet, die ewig und unveränderlich ist. Wichtig im Kontext künstlerischer Betrachtung ist bei diesem Höhlengleichnis auch vor allen Dingen die Rolle der Sonne, die als Lichtelement die Wahrnehmung der Realität überhaupt erst möglich macht.


Jörg Eberhards Dingalphabet ist eine Zeichensprache, die Ideen, Vorstellungen und Erinnerungen anklingen lässt. Auch die Sonne, die sowohl den Schatten wie das reale Objekt zur Wirkung bringt,  findet sich in den Arbeiten von Jörg Eberhard in Form von Lampen oder Kerzen reflektiert. Das Repertoire an Zeichen für Lichtquellen umfasst dabei neben den einfachen Kerzen industriell gefertigte Lampen, bekannte Designermodelle oder Neonröhren der fünfziger Jahre, die in unterschiedlichen Bildern als jeweiliges Lichtelement in den Formendialog integriert sind. Diese dialektische Beziehung zwischen Licht und Objekt, die sich gleichsam gegenseitig bedingen, findet ihre besondere Konzentrierung in den perspektivischen Arbeiten, die sich mit dem Fluchtpunkt beschäftigen, in dem gleichsam alle Formen hinein- oder herauslaufen und dort im Leeren entstehen oder verschwinden. Der Fluchtpunkt geriert sich dabei gleichsam als Zeittunnel, in den hinein in immer größerer Geschwindigkeit die Objekte gesogen werden oder aus dem sie herauszusprudeln scheinen. Doch auch in den Bildern, die mit perspektivischen Elementen gestaltet sind, ist die bewusste Flächigkeit der Gegenständlichkeit gewahrt und findet sich als Projektionen auf imaginäre Wand- und Raumstrukturen wieder mit denen der Künstler unendlich viele hintereinander und voreinander geschichtete Raumebenen entwirft, die jedoch immer als Raum abstrakt bleiben und nie den Anspruch antreten, reale Situationen in realen Räumen zu suggerieren.

In diesem Kontext ist es auch interessant, in welcher Weise Jörg Eberhard mit dem Element des Raumes insgesamt in seiner Arbeit umgeht. Ein besonderes Beispiel einer raumbezogenen Arbeit ist die Gestaltung eines Wohnzimmers in der Aachener Altstadt. Der Raum wurde über und über mit Bildzeichen und Bildelementen ausgestaltet, die sich vom Boden bis zur Decke in einem scheinbar unentwirrbaren Dickicht von Zeichen, Worten und Beziehungssetzungen darstellen. Dabei ist wichtig, dass alle Dinge sowohl einen inneren wie äußeren Bezug in sich tragen. Es gibt in der Gegenständlichkeit sowohl Verweise auf die Stadt oder die Straßen wie auch auf den Bewohner und seine berufliche wie private Situation. Das so entstandene Gewebe von Erinnerungen, Verweisen, Assoziationen und konkreten Bezügen lässt den Raum zu einem erzählerischen Kontinuum werden, das sich immer wieder in Rückbezügen auf eine innere wie eine äußere Welt artikuliert. Dabei lässt Jörg Eberhard auch Elemente des Memento Mori nicht aus, die als sinnstiftende Qualität des Stilllebens in seiner Malerei einen wichtigen Aspekt besetzen. Die inhaltliche Verknüpfung zwischen Gestern und Morgen, die sich in seinen Arbeiten immer wieder andeutet, verweigert ganz selbstverständlich auch nicht den Ausblick auf den Tod. Die Wertigkeit solcher Setzungen steht jedoch immer gleichberechtigt neben aktuellen oder historischen Bezügen, so dass sie keinen moralischen, allenfalls einen selbstverständlichen Duktus erlangen. Die Natur als Element der Malerei tritt oft gerade in diesem Kontext in Erscheinung und verweist auf den existenziellen Ansatz. Über dem Totenkopf mit den Knochen im Aachener Wohnzimmer liegen und erwachsen Pflanzen und finden sich Käfer und Insekten, um für Werden, Entstehen und Vergehen einzutreten.


Auch der von Platon benutzte Begriff des Fließens verweist auf einen wesentlichen Aspekt von Jörg Eberhards Bildern. In den Fluchtpunktarbeiten, in denen die Gegenstände scheinbar in einem imaginären Punkt zusammenlaufen und dort verschwinden, fließt der Gestaltungsfluss ins Zentrum des Bildes hinein. In

einigen anderen Arbeiten jedoch entwickelt Jörg Eberhard einen Fluss der Objekte und Gegenstände auf der Bildfläche, die - einem Filmschnitt gleich - Sequenzen eines imaginären Szenarios vor dem Auge ablaufen lassen. Die Geschwindigkeit, mit der diese Abläufe in den Bildern erscheinen, variiert er durch die Verschiebung und Struktur der Objekte. Das Spektrum reicht von mit hoher Geschwindigkeit vorbeiflitzenden Dingen, die sich durch ihre zwanghafte Verlängerung gleichsam in eine abstrakte Formensprache verändern, bis hin zu Bildsequenzen, in denen der Fluss der Filmbilder scheinbar angehalten oder zumindest doch deutlich verlangsamt erscheint. Immer wieder ist die Veränderung und Mutation der Formen und Zeichnungen im Lauf von Zeit und Raum in den Arbeiten thematisiert.

Als weiteres Element gibt Jörg Eberhard den Bildern Titel, die über die assoziative Vorgehensweise bei der Entstehung des Bildprozesses einen weiteren Aufschluss geben. Mit humoristischen Aspekten versehen, erlauben sich die Titellagen der Gemälde weitere Beziehungssetzungen und Bezüglichkeiten, die im Kontext der Bildbetrachtung zusätzliche Ebenen von Wahrnehmung und Assoziation eröffnen. Sei es die „Kompanie" von unterschiedlichsten Vasenformen, die im Werk stets als Stellvertreter für die Menschen zu verstehen sind und die uns hier in ihrer individuellen Unterschiedlichkeit und ihrer Physiognomie als eine Phalanx von Soldaten vor Augen tritt, die zwar in Reih und Glied, aber recht inhomogen ihren „Aktionsraum" besetzen. Sei es in Titeln wie „Anruf und Call", in dem ein klassisches Telefon einem modernen Handy gegenübergestellt wird und ein Aufnehmen und Senden von Informationen im unendlichen Fluss der Zeit thematisiert ist, oder sei es in einer Arbeit wie „Dichte, Schwerkraft, Information", in dem so unterschiedliche Elemente wie eine antike Säule, im Leinwandgrund belassen und optisch gleichzeitig in oberster Schicht des Gemäldes positioniert, einen scheinbar architektonischen Raum gestaltet, in dem die vielen Objekte und Gegenstände der Erinnerung und Vergangenheit zueinander finden und einen unermüdlichen Fluss von Informationen für die Filmkamera bereithalten, die auf der rechten Seite des Bildes am Rand der Komposition dargestellt ist.

Spannend, anregend und interessant ist es allemal, die Arbeiten von Jörg Eberhard zu betrachten, sie gleichsam gedanklich zu betreten. So wie die Arbeit mit dem Titel „Garten, zugeschlossener", seiner persönlichen Referenz an den „hortus conclusus" der mittelalterlichen Malerei, der paradiesische Garten mit den botanischen Studien, dessen „Bevölkerung" vom Computer bis zum Fotoapparat mit Stativ auch jene Rückbezüge auf die sakrale Kunst offenbaren, von denen wir als die Betrachter auch geprägt sind. Den Schlüssel zu diesem Garten hat denn Jörg Eberhard auch direkt ins Bild gemalt, bereit, um ergriffen zu werden und um das aufzuschließen, was - so möchte man vermuten - in einem selber verborgen liegt.