Katalog FZ Kunst Essen  Jörg Eberhard und Anja Garg  2010


Prof. Dr. Raimund Stecker         Raumillusionen irrealer Räume

 

Räume zweidimensional - bildlich - vorzustellen, die dreidimensional – also räumlich - nicht zu existieren vermögen: welch’ kühne Intention! Anja Garg und Jörg Eberhard unternehmen solch’ kühne Bildprojekte, auch wenn das Schaffen koloristischer Sensationen oder gegenstandsabhängiger Verschachtelungen offensichtlicher scheint. Und dies nicht, wie es zu Beginn des 21. Jahrhunderts nahe liegen würde, im virtualitätsaffinen Medium einer konzeptuell ideensimulierenden 3D-Technologie, sondern im traditionsbelasteten und weitestgehend unentfremdeten Ausdrucksmittel der Malerei.

 

Ist dies - so soll gefragt werden - anachronistisch rückwärtsgewandt oder, auf die oft behauptete Zeitlosigkeit von Malerei vertrauend, zeitgemäß, im Idealfalle gar in die Zukunft weisend? An dieser Stelle klingt die Frage rhetorisch – und: sie ist es auch. Denn das zumindest Zeitgemäße soll nicht nur behauptet werden, sondern wird als gegeben vorausgesetzt. Gleichwohl gilt es selbstverständlich, dieses Gegebene argumentativ darzulegen.

 

Nähern wir uns also den zur Diskussion stehen Bildern von Anja Garg und Jörg Eberhard: Gänzlich ohne Bezug zur Ding- und Gegenstandswelt außerhalb der gemalten Bilderwelt sind die koloristischen Sensationen Anja Gargs. Durchaus mit Bezug zu einer solchen Ding- und Gegenstandswelt treten die Gemälde Jörg Eberhards als Verschachtelungen dem Betrachter entgegen. Schattenrissen gleich vermögen wir in ihnen zumeist so banale Gegenstände wie Kannen und Vasen, Tische und Briefwagen wiederzuerkennen, gleichwohl aber solche, die uns silhouettenhaft Pokale, Stative, Antiquitäten, Kameras, handyapplizierte Violinen oder auch Tiere, Pflanzen und belaubte Bäume zu identifizieren geben.

 

Doch, ihr bildliches Sein als Silhouette lässt sie „lediglich“ als Zeichen erscheinen. Als Zeichen, dem per se zu eigen ist, „nur“ eine bildliche, eine zweidimensionale, eine nur als Bild zu existieren mögliche Identität zu haben. Ihnen tritt hinzu eine Welt an Flächenformen, die – die Bezeichnung sagt dies schon – nur im Kosmos der Fläche ihre Existenz haben: Quadrate, Rechtecke, Rahmungen… Gleichsam hineingezogen wird der Betrachter so in Bildwelten, in denen zeitlich verschiedene Sehmomente – Fensterrahmungen von links und rechts, Äste von Laubbäumen und deren Schatten, durch die Fenster geschaut oder auch vor den Fenstern gesehen, vor Flächen positioniert oder auch in sie hinein oder gar hinter sie - ineins fallen: ineins im Bild.

 

Und was geschieht, wenn Silhouetten von Gegenständen reine oder auch noch gegenständlich wiederzuerkennende Flächen überschneiden, überlagern, durchdringen oder hinterfangen? Durch-, Ein- oder Aufblicke werden dann zu gänzlich autonomen Bildmomenten, die nur im Bild, eben nur als Bild zu existieren vermögen.

 

Anja Garg „umschifft“ dieses Ambivalenzfeld von Außen- und Innenbildwelt. Wo sich bei Jörg Eberhard farbig geformte Gegenstandsilhouetten dreidimensional uneindeutig verschachteln, drängen in ihren Bildern farbig reine Formen in-, hinter-, durch- und miteinander zu einer immer auch Räumlichkeit, aber nur seltens perspektivisch realen Räumlichkeit evozierenden Komposition. Und derartige Räumlichkeiten, sich vorzustellen als aus Folien gestaffelte Farbflächen, vermögen außerhalb ihrer Bilder nicht zu existieren. Ihre vorgestellten Räume können nur in der Fläche sein – und als solche eine zu imaginierende Raumvision beim Betrachter lösen, zu der es lediglich im Kopfe des Betrachters Raum gibt.

 

Blau vor dem Neonrot und zugleich im Neonrot, Silber bewegungslos und dennoch gleichzeitig vor wie hinter, in und ebenso neben Rosa oder Grün… Es sind uns nahezu fremdartig positiv, freundlich, aufheiternd und Glück ahnen lassend wohlgestimmte Farbigkeiten, die Anja Gargs Bilder dominieren. Selten sind sie opak auf die Leinwand oder Wand gebracht. Stets schimmert eine gemalt unterliegende Farbe durch, die gleichwohl aufgrund ihrer Farbkraft in den Vordergrund sich so drängt, wie eine physisch auf der obersten Oberfläche aufgetragene, weniger in den Vordergrund sich betonende Farbe hinterfangen wird von tiefer lagernden Koloraturen.

 

In virtuelle Räume versetzt mag sich so der Betrachter der Bilder von Jörg Eberhard und Anja Garg fühlen. Aber, vermag die synonym mit „virtuell“ gedachte Bilderwelt der Computer auch dergestaltig humane Räume zu öffnen? Es mag sein, dass die Realitätsillusion von Computerbildern bisweilen evidenter ist – es ist aber auf jeden Fall so, dass gemalte Raumillusionen immer den Betrachter als sich orientieren wollendes Wesen schon aufgrund von Faktur und Unperfektion fundamentaler respektiert denn das computergenerierte Bild. Dies immer wieder zu erweisen, scheint eine unter der offensichtlichen Bilderwelt von koloristischen Sensationen und gegenstandsabhängigen Verschachtelungen lagernde, gleichwohl licht aufscheinende Intention der vorgestellten Malereien – eine fraglos zumindest zeitgenössisch zeitlose Dimension!