Peter Kleemann


»Irgendwann wollte ich keine Ideen mehr haben, sondern malen können, d. h. mich um die Probleme kümmern, die die meisten Maler früher beschäftigt haben und die immer noch zu bearbeiten sind«, schrieb Jörg Eberhard 1981. Was für Probleme? »Höhere Ordnung im Bild«, »Gegenstandswahl«, »Maltechnik«, »Stil«, »Bild-Nichtbild«, »Kunst & Leben«.


Kompaßnadel, vibrierend aber stetig.


Mit »mag ich nicht« und »das gibt ein gutes Gefühl« bringt er sich durch. Neugierig ist er. Seine große Speicherkapazität erlaubt es ihm, Kunstbetrieb und Kunstgeschichte zu studieren, ohne kurzatmig Partei nehmen zu müssen. »Ausprobieren«, er erprobt die Kunstgeschichte selbst, bleibt skeptisch; die Sinnfürsten der Vergangenheit und die Herzöge der Avantgarde läßt er auf ihren Thronen sitzen.


Ruhig sitzen liebt er. Die Flucht der Gedanken vom Unmittelbaren in das, was jenseits von Anfaßbarem und Aus-sich-selbst-Gewachsenem zu sein scheint. Das Unmittelbare festhalten an der Grenze von Erscheinung zu Spekulation, als Farbe und Form!


Was ihn umgibt, wenn er ruhig sitzt, ist: Ferneres, fast ungreifbar. Atmosphärisches, Farbschatten, Muster, und Nahes, Handliches, Handhab-bares, z. B. Farbpaste, Stilleben, Malgrund, andere Leute und was sonst noch im Atelier ist. Er denkt nach über das Verhältnis der Dinge zueinander, weniger über die Dinge als Erscheinungen, nicht über ihr Wesen. Sein Bestreben ist, die Dinge sein zu lassen. Und wie er im denken den Dingen statt gibt, räumt er ihnen beim Malen Fläche ein, läßt sie Fläche einnehmen. Pinselstriche und Flecken lassen das Aussehen von Dingen entstehen, bleiben aber selbst als Pinselarbeit bestehen. Die Farb-Dinge fügen sich im Malen aneinander.Keins beherrscht die Szenerie, »-das würde stören«. Wenig Planung, mehr: sich entwickeln lassen. Raum in seinen Bildern ist kaum der leere Raum der Renaissance-Perspektive, in dem die Dinge Platz zugewiesen bekommen, und ihr unmittelbares Aneinander. Wo eine Fläche leer erscheint, wird sie oft von langgezogenen Geräten überbrückt,vor allem in früheren Bildern (Gabeln, Äste: Greifwerkzeuge), in neueren sind solche Flächen als Farbfleck, Farbding oder als Tisch, Tischtuch selbst dinglich Motiv. Entsprechend ist in Figurenbildern der Raum mehr gestisch bestimmt, weniger in Metern meßbar als vielmehr erlebbar. Das Aussehen menschlicher gestalten, die Identifikation mit ihnen, soll sich aus der malenden Geste möglichst von selbst herstellen.


»Malen können«.


Das heißt auch, ihn malen lassen. Er arbeitet viel, er will mit und von dieser Arbeit leben können. Ansprüche wehrt er ab: »Soll doch jeder seine eigenen Bilder malen, ich male auch nur, wie es jeder könnte«.


Das ist keine Bescheidenheit. Malerische Probleme erprobt er, neugierig, ständig arbeitend und natürlich entwickelt sich dabei Virtuosität, wie mit allem, was man viel übt. Aber Spezialisten mit ihrem Gradlinigkeitsgefühl sind ihm verdächtig, ein eigenes Ziel ist Geschicklichkeit nicht. (Cleverness ist ihm lächerlich), »geschickt« ist ihm etwas nur, wenn es »nicht stört«; keins der vielen Probleme beim Malen soll dominieren.


Die Dinge sein lassen können.


Begabung ist nicht der Weg des Ausdrückens-von-was, sondern das jeweilige Gemisch des Individuellen. Und die Ausübung der Individualität, die sich mit »mag ich nicht« und »gutes Gefühl« von Ablenkungen freihält, ermöglicht das Können, das Gelingen des eigenen Tuns.


1983