Script der Eröffnungsrede zur Ausstellung von

Jörg Eberhard und Alfonso Hüppi

in der Galerie Reinhold Maas in Reutlingen am 6. Oktober 2016


Wir sehen in einem farbenfrohen Rendezvous Kunstwerke vom Meister und seinem Schüler. Jörg Eberhard studierte von 1975 bis 1982 an der Kunstakademie Düsseldorf bei Alfonso Hüppi und war 1981 dessen Meisterschüler. Der Schüler hat sich inzwischen längst emanzipiert, hatte diverse Lehraufträge und seit 2002 Professuren in Essen. Parallelen im Werk der Beiden sind jedoch deutlich erkennbar – so eigenständig die jeweilige Position auch sein mag.

Sehen wir uns zunächst die Arbeiten von Jörg Eberhard einmal genauer an und beginnen mit „Eins und Zwei“: Vasen, Kannen, Amphoren, Schalen, ein Bürostuhl, eine Kaffeemaschine. Diese und andere Gegenstände sind in ihren  Silhouetten bzw. Formen erkennbar, in einander überlagernden Schichten auf dem Malgrund angeordnet. Jörg Eberhard verwendet keine Schablonen, sondern trägt die Kunstharzformen freihändig mit dem Pinsel auf.

Die Formenvielfalt  und – dichte lässt Schnittstellen entstehen, die durch farbliche Modifikationen differenziert und teils als Komplementärkontrast in Rot - Grün betont werden.

Im Zentrum des Bildes sticht eine pflanzliche Form ins Auge, die alle anderen beschriebenen Figuren überlagert. Die Lilienform ist auffällig dunkel gehalten und scheint, sich vom Nesselgrund lösend, dem Betrachter entgegen zu wachsen. Obwohl die Formen nicht durchmodelliert, sondern schablonenhaft flächig aufgetragen sind, entsteht durch die Schichtung, das Über- und Hintereinander Bildtiefe.

Möglicherweise löst bereits die Benennung der Gegenstände eine Assoziation bei Ihnen aus, es entstehen Bilder einer Situation vor Ihrem inneren Auge oder Sie verbinden eine Atmosphäre damit. Dennoch geht es Jörg Eberhard nicht darum, die Gegenstände detailliert und abbildgetreu wiederzugeben. Gelingt die Loslösung vom Gegenständlichen, sind diese Anlass und Gestaltungselemente für seine komplexen, ausgetüftelten Bild- und Farbkompositionen. Flächen und Farben bilden ein in sich verwobenes Bildganzes. In dem Wissen, dass eine perfekte Perspektivdarstellung unmöglich ist, und immer nur eine Absprache mit dem Auge des eingeübten Betrachters bleibt, dient das Format nicht als Illusionsraum, sondern als Spiel-Raum für die sensible Tektonik von Farbflächen.

Die „vergangene Zeit“ bietet ein schönes Beispiel, die Parallelen und Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zum Werk Alfonso Hüppis aufzuzeigen.

Wir sehen eine grüne Kiste oder auch ein Kästchen, ein Schränkchen, dessen doppelflügelige Türen nach vorne aufgeklappt sind. Die Kanten geben einen Hinweis auf die Räumlichkeit, es ist jedoch flächig mit einem ornamenthaft wirkenden Muster aus pflanzlichen Motiven und angedeuteten Amphoren bzw. Kannen überzogen. Die geöffnete rechte Türe gibt den Blick auf eine prächtige, pokalähnliche Standuhr frei. Das Innere des Kästchens weist einen starken Farbkontrast gegenüber dem grünen Äußeren auf. Es scheint die Kostbarkeit gleißend hell in einem Spektrum von weiß bis rötlich zu illuminieren. Der schachbrettähnliche Hintergrund schafft eine Verbindung von Innen und Außen. Einige Details verraten uns, dass es Jörg Eberhard auch hier nicht um die korrekte illusionistische Wiedergabe der Gegenstände und des Raumes geht. Beispielsweise sieht man den Kelch der Uhr auf der Außenseite der linken, beinahe geschlossenen Türe. Die Spitze überragt das Schränkchen, als würde der Pokal diesem gerade entschweben. Jörg Eberhard schafft eine Gleichzeitigkeit verschiedener Darstellungen, quasi ein Raumpotpourri.

Vom Kästchen zur Kiste, möchte ich gerne zum Werk Alfonso Hüppis überleiten.

Zunächst werden Sie sich fragen, wo Kisten zu finden sind, sind doch auf den ersten Blick lediglich deren Bestandteile, Holzbretter zu sehen. Kisten sind darauf angelegt geöffnet zu werden und erst einmal geöffnet, verlieren sie ihren Reiz. Sie werden geleert, ihrer Funktion beraubt. Dann landen sie möglicherweise auf dem Sperrmüll. Diese hier sind bei Alfonso Hüppi gelandet. Unter seinen Händen haben sie eine Metamorphose vom rohen Holz, vom Zweckobjekt, zum verzauberten, ja beseelten Originalen mit Eigenleben durchlaufen und eine neuen Identität angenommen. Alfonso Hüppi hat sie auseinander genommen und sie als Bild ihrer selbst in der Reihe der sogenannten „Entwürfelungen“ an die Wand gebracht. Ursprünglich den realen Raum umfassend, ist die Kiste nun Relief, und Sie als Betrachter sind gefragt, Ihre Seherfahrungen einzubringen, Ihre Vorstellungen von Raum mitzudenken. Sind es bei Jörg Eberhard komplexe Formen, die Assoziationen an Pflanzen, an Gefäße nahelegen, handelt es sich hier um eine aufs äußerste reduzierte Form, die als Relief in monochromem Weiß etwas von der Grundfläche abgesetzt ist. Sie orientiert sich an den querverlaufenden Brettstrukturen und setzt sich lediglich durch ihre wulstartige Außenkontur und den daraus resultierenden Schatten vom darunterliegenden Grund ab. Alfonso Hüppi selbst äußert, dass er für sein künstlerisches Tun einen stärkeren „Gegner fand als die traditionelle und allzu fügsame Leinwand. In den 1960er-Jahren war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden. In den angrenzenden Depot-Räumen des Ausstellungsinstituts wurden Transportkisten und Paletten aufbewahrt, die ihn herausforderten. Er sagt: „Ich muss etwas mir gegenüberstehendes Starres überlisten. So kam ich auf die Kisten. Ausgangspunkt waren geometrische Formen. Als sie zerfielen, kam ich auf die Bretter.“ Ein Glücksfall für den Künstler und für uns, die wir seither diesen Weg, die Metamorphose der funktionalen Kiste zum visuellen Ereignis verfolgen dürfen. Wie bei Jörg Eberhard wird der Bildraum zum Spielraum für seine sorgfältig arrangierten Kompositionen. „Nicht im Sinne eines reduktionistischen Konstruktivismus“ wie Hüppi sagt, sondern als ein Ringen der Formen um die besten Plätze, um Harmonie. Bringt Hüppi seine Komposition durch wohlüberlegte Setzungen und Reduktion auf den Punkt, ist es bei Eberhard die Addition, die Verflechtung einer Vielzahl assoziativer Formen, von Gegensätzen, von planvollem Zufall und zufälliger Absicht zu einem ausgetüftelten Bildganzen. Beide loten die Grenzen der Flächenwirkung und Raumwirkung mit ihren Mitteln aus.

Jörg Eberhard war Alfonso Hüppis Meisterschüler. Längst vorbei sind die Zeiten, in denen ein Meister streng hierarchisch vorgab, was der Schüler umzusetzen hatte, um den einzig richtigen Weg einzuschlagen. Vielmehr sind hier die zahlreichen Impulse und Sichtweisen spürbar, die der Meister anbietet und die in einem gegenseitigen Geben und Nehmen zu fantastischen, jeweils eigenständigen Kunstwerken führen. Vollendet werden können diese durch Sie als Betrachter, die Ihre Assoziationen einbringen, Ihr visuelles Gedächtnis befragen und die Harmonien und Gegensätze der Farb- und Bildkompositionen wirken lassen und verinnerlichen. Dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.