Bilder im Wechsel der Jahreszeiten: Gemälde von Prof. Jörg Eberhard im Lehrerzimmer


Die Bilder zeigen die charakteristische Bildsprache, die sich Jörg Eberhard über Jahre erarbeitet hat.

Eine Sprache mit einem bestimmten Vokabular und mit einer eigenen Grammatik. Die

konstituierenden Elemente sind: silhouettenhafte Bildzeichen (die Vokabeln), abstrakte

Strukturierungen der Bildfläche (die Grammatik) und Farbe (die Aussprache oder Betonung).

Die Bilder folgen erkennbar einem Programm: im Titel haben sie die vier Jahreszeiten. Diese sind

verknüpft mit Tageszeiten und Himmelsrichtungen: Frühling/Morgen/Osten - Sommer/Mittag/Süden

- Herbst/Abend/Westen - Winter/Nacht/Norden. Dieses Programm ist zunächst vielleicht nur Mal-

Anlass, aber es wird thematisch durchaus ernsthaft durchgespielt.



         



Die Bilder sind dreiteilig zusammengefügt; langgestreckte Querformate. An die Lehrerzimmer-Wand,

so lang sie auch ist, passen nur zwei davon. Zunächst der Herbst (die gegenwärtige Jahreszeit bei der

Hängung) und - im Vorgriff - der Winter. Natürlich folgen auf Herbst und Winter schließlich Frühling

und Sommer. In jedem Quartal muss ein Bild weggenommen werden, eines vorrücken und eines neu

hinzutreten. Das hinzugekommene Bild erfüllt dann jeweils die Funktion eines Ankündigungsbildes.

Diese Präsentationsform ist neu bei unseren Lehrerzimmer-Ausstellungen: eine Veränderung im Laufe

der Jahreszeiten.





Typisch für Jörg Eberhard ist eine etwas paradoxe Doppelausrichtung: einerseits zeigt er einfache

Dinge und Sachverhalte, die jedem vertraut sind. Andererseits ist er aber ein kompliziert denkender

Mensch, der fortlaufend seine Arbeit reflektiert. Deshalb sind seine Bilder bei allem Willen zur

Einfachheit ziemlich komplex und kompliziert. Das betrifft vor allem ihre Struktur, also die Art ihres

inneren Aufbaus.





Beim Herbstbild z.B. registriert man sofort die Herbstfarben und die herabgefallenen Blätter. Das ist

ganz einfach. Am Boden sind sie Teil eines Musters, sie bilden einen "Teppich" - eigentlich auch

einfach, aber dann doch schon kompliziert, denn das Muster folgt nicht den Regeln einer

illusionistisch-perspektivischen Einbettung in einen gewohnten Bildraum, der durch die mittlere

Horizontlinie zwar angesprochen, aber nicht eingehalten wird. Die Struktur des "Teppichs" folgt einer

eigenen, reduzierten Räumlichkeit, die mehr den Regeln der Fläche folgt - schließlich ist ein Bild ja

genau das: eine Fläche.

In der Mitte des Herbstbildes schaut uns ein Auge an - das Bild schaut zurück? Das Bildelement lässt

sich im Kontext der angedeuteten Landschaft zugleich als rötliche, gedämpfte, tiefstehende

Herbstsonne lesen. Darüber gibt es eine Art Himmel mit Licht-Schatten-Übergang, in welchem

Silhouetten schweben: ein Stativ mit Balgenkamera, ein Bauhaus-Sessel, ein Bakelit-Telefon, eine

Glaskaffeekanne mit Siebeinsatz, ein Digitalfotoapparat, eine Teekanne, ein kompliziert geformter

barocker Pokal, ein bizarres Kreuz und eine Kaffeekanne im Stil der 60er Jahre - Dinge des Menschen

aus Vergangenheit und Gegenwart.

Alles dies sind zivilisatorische Gegenstände, den Naturmotiven der unteren Bildhälfte

gegenübergestellt. Sie sind trotz der Reduktion gut ablesbar, einfach und kompliziert zugleich. Es

wäre nun nicht erstrebenswert, diese einzelnen Dinge symbolhaft festgelegt zu deuten, obwohl

natürlich einige ihren Symbolgehalt unabweisbar einbringen - wie z.B. das Gerippe im Winterbild.





Manche der Gegenstände mögen für Jörg Eberhard auch einen ganz speziellen

Bedeutungszusammenhang haben, der aber dem Betrachter nicht aufgedrängt wird. Jeder gibt den

Dingen der Welt ja die Bedeutung oder Bedeutungseinfärbung, die seinem eigenen

Erfahrungshorizont entstammt.





Es geht nicht um das Festklopfen unverrückbarer Bedeutungen, sondern vielmehr um das

unerschöpfliche Ineinandergreifen von aktueller Wahrnehmung (der Formen und Farben), erst noch

vagem und dann klarem Erkennen von gemeinten Dingen, ihrem Hervortreten aus der

Gesamtstruktur des Bildes und ihrem Wiedereinsinken in diese, gedanklichen Assoziationen und

Gefühlseinstimmungen durch Farben und Motivsignale - all dies in freier, kaum steuerbarer Abfolge

der entsprechenden Augen-, Hirn- und Gemütstätigkeit.

Jörg Eberhard ist Professor am Institut für Kunst und Kunstwissenschaft der Universität Duisburg-

Essen und lebt in Düsseldorf. Als Freund und Studienkollege aus der gemeinsamen Studienzeit an der

Düsseldorfer Kunstakademie hat er sich gern bereit erklärt, seine Jahreszeiten-Bilderfolge für unsere

Lehrerzimmer-Galerie zur Verfügung zu stellen


(Hartwig Reinboth)