Andrea Dreher                                                  Kunsthistorikerin Ravensburg


JÖRG EBERHARD
Würfel, Altar: Zeit, Baum und Tür
Kornhaus Bad Waldsee 30.09.-12.12.2004

Wer das Kornhaus in Bad Waldsee besucht und in den 3 m hohen Kastenraum mit einer Grundfläche von 4 m x 4 m geht, erkennt sofort die Handschrift des Künstlers Jörg Eberhard. Der aus Bad Waldsee stammende Maler hat für die Ausstellung eine raumbezogene Arbeit konzipiert. Lange, mit Acrylfarbe bemalte, Papierbahnen sind auf die Stellwände geheftet. Keine Wandmalerei entsteht, sondern eine stationäre Raumcollage.

Jörg Eberhard ist ein Künstler, der seine Arbeit eng mit der Tradition der abendländischen Kunstgeschichte verknüpft. Er sucht in der Vergangenheit und in der Gegenwart nach Bildern und Vorbildern, um daraus seine eigene Position zu entwickeln. Er sammelt Gegenstände, nimmt diesen ihre Dreidimensionalität und ordnet sie nach seinen ästhetischen Kriterien auf der Bildfläche an. Er behält dabei stets den Raum vor Augen, dessen architektonischer Aufbau sich aus den farbigen Flächen und Formen ergibt. Aufgrund der Größe der aktuellen Arbeit stoßen die Ausstellungsbesucher auf ein künstliches Gegenüber. Das oben und unten im Bild ist erfahrbar, nicht metaphorisch.

Ein Hund bewacht den Eingang, Strahler und Hängelampen beleuchten den Raum, ein Handy liegt bereit, eine Kamera ist aufgestellt. Die Eingangswand ist in zahlreiche Rechtecke und Quadrate unterteilt, die Farbigkeit ist zurückgenommen, die Szene wirkt streng konzipiert und nüchtern.

Einzelne Blumen und ein hoher dünnstämmiger Laubbaum sind Zeichen einer Welt jenseits der Technik und Objekte. Doch nur vermeintlich scheint die Natur ins Bild geholt, das Vorbild dieses Baumes lieferte der italienische Maler Andrea Mantegna.

Auf der Höhe der Baumkrone lehnt eine Streitaxt aus dem Bauernkrieg neben einer Pistole der Bürgerwehr. Darunter reihen sich wertvolle Uhren, ein Sekretär birgt Musikinstrumente, allesamt Exponate des Museums im Kornhaus. Der aufgeklappte Laptop im Bild ist ein Auszug aus dem „Skizzenbuch“ des Künstlers. Er gibt Aufschluss über die Arbeitsweise bei der Entstehung der Bildmotive.

Auf der nächsten Wand wechselt die Szene. Die Kirche mit ihren Kunstwerken und ihrer Liturgie gewinnt die Oberhand. Das zweifache Zitat des Zürnaltares der Bad Waldseer Frauenbergkapelle aus dem 17. Jahrhundert kommt einer Hommage an die berühmte Bildhauerfamilie aus Bad Waldsee gleich.

Ein Balanceakt mit einem Altarkreuz, einem Kelch und einem Kruzifix stößt an das schwarze Quadrat, das auf dieser labilen Vertikale lastet.

Nimmt man im Geiste auf dem aus dem Museum bekannten Lehnstuhl Platz, so blickt man auf einen in den realen Raum ragenden perspektivisch dargestellten Körper, einen blauen mit schablonenhaften Gefäßen belegten Kubus. Folgerichtig wirft dieser doppelte Würfel als einziges Objekt seinen Schatten.

In dieser letzten Darstellung zitiert Jörg Eberhard „Schachtelmotive“ aus seiner Malerei der vergangenen Jahre.

Auf den anderen drei Wänden komponiert er eine utopische Kulturgeschichte am Beispiel realer Gegenstände bzw. derer Schablonen. Jörg Eberhard erzählt seine eigene Biographie, geprägt von der oberschwäbischen Herkunft, er flicht die christliche Ikonographie ein, holt Exponate des Bad Waldseer Museums in seinen Raum und bedient sich einzelner Vorlagen aus der europäischen Kunstgeschichte. Alles ist Zitat.

 

Jörg Eberhards Stillleben führen den Betrachter vom vordergründigen Sehen hin zu tiefgründigen Fragestellungen. Die Reduktion der Form auf die zweidimensionale Schablone macht den Gegenstand zur Idee oder Erinnerung. Der Gegenstand gibt seine Funktion an die Schablone ab. Die Positionierung der jeweiligen Silhouette auf der Bildfläche und ihre Farbe bestimmen individuell deren Bedeutung für das Bild. Jörg Eberhard überträgt die gegenständliche Welt in eine bildliche. Mit Hilfe des Bildes, also der Anschauung und der Wahrnehmung des Gegenstandes, wird er zum Kulturschaffenden.

Durch die Farbe und die räumliche Unterteilung in geometrische Flächen verbinden sich alle Zeichen eines Raumes zu einer geschlossenen Einheit von größter Komplexität. Der Künstler kann so Überblick, Ausschnitt und persönliches Statement in einer Arbeit verbinden. In der Bad Waldseer Raumcollage erzählt er die Geschichte des Bürgertums, des Adels und des Klerus vom Mittelalter bis heute. Die Datierung seiner Arbeit erfolgt indirekt durch das Aufgreifen modernster Kommunikationsmittel im Bild.

 

Stellvertretend für die Menschen, die gemeinhin Geschichte schreiben, stehen im Werk Jörg Eberhards Objekte. Das Objekt dient dem Menschen: das Telefon dient der Kommunikation, die goldene Uhr dient der Repräsentation, der Messkelch dient der Ausübung des Pfarrberufes, das Kruzifix dient der Stärkung des Glaubens und der Stuhl dient dem Sitzen.

Während der Mensch im Alltag Gegenstände für sich instrumentalisiert, bedient sich Jörg Eberhard des abstrahierten Gegenstandes, um damit den Menschen zu zitieren. Dabei stilisiert er Handys mal zu Hauptdarstellern, dann wieder zu Statisten, griechische Amphoren mal zu Tänzern, dann zu Ruhepolen. Die Gegenstände werden belebt, aber nur scheinbar, denn es darf nie vergessen werden, dass es nur flächenhafte Gestalten sind, die wir sehen.

 

Jörg Eberhards Werk transformiert die reale Welt in suggestive Bilder. In der Bad Waldseer Ausstellung nimmt er sich der Welt seiner geographischen und biographischen Heimat an.