Peter O. Chotjewitz


Das Bild spricht


Was spricht das Bild? Einem weit verbreiteten Missverständnis zufolge sagt es jeder oder jedem, was sie oder er hören will. Das ist eine Übertreibung.

Gewiss, es gibt auch den subjektiven Mehrwert, aber der kann nicht erraten oder erahnt werden. Er muss erschlossen werden, und das geht nur wenn die objektive Aussage ermittelt ist.

Im Falle der Malerei befinden sich die Zugangsdaten gesellschaftlich in der Vielzahl der bekannten Bilder seit Olims Zeiten. Individuell dagegen in der Konzeption des Künstlers, die über die Analyse seines Gesamtwerks ermittelt werden kann.

Das Bild, das wir heute betrachten wollen, eignet sich in besonderem Maße für ein Gespräch über den Maler Jörg Eberhard, da es gewissermaßen die Koordinaten enthält, die sein Werk so eigenwillig machen.

Was sind das für Besonderheiten? Das fehlen der Figur. Diese Feststellung erscheint überflüssig, verzichten doch viele Künstler auf die Auseinandersetzung mit dem Figürlichen. Sieht man jedoch, dass Eberhard durchaus kein abstrakter Maler ist, auch wenn seine Bilder abstrakte Elemente enthalten, dann ist klar, in welcher Richtung wir suchen müssen.

Was sehen wir auf dem Bild? Ein Radio, etliche Flaschen, Tassen und Untertassen, Löffel, Wasserkessel, Blumenvasen mit Inhalt. Es scheint fast, als sei die halbe Kücheneinrichtung unterwegs, und mehr noch. Wir wollen diesen quasi surrealen Aspekt der Bildaussage, und die seltsame Verzerrung der Gegenstände, die Fluchtlinien und das separate kleine Feld mit den blauen Objekten zunächst außer Acht lassen, obwohl sie zusammenhängen, und zurückkehren zu meiner Bemerkung, dass Eberhard bislang keine Figur gemalt hat, und dass, wenn überhaupt, Objekte an die Stelle der Figur treten - am häufigsten ein Fotoapparat auf Stativ, der das Bild betrachtet, auf unserem heutigen Bild allerdings fehlt.

Dafür wird ›Alles dorthin‹ von einem Gitter abgeschirmt.In der Malerei haben solche, scheinbar nur dem Bildaufbau dienende Elemente eine gleichsam philosophische Funktion. Das Gitter sperrt den Betrachter aus, wie in manchen Autos das Gitter hinter dem die tollen Hunde verwahrt werden. Es soll verhindern, dass der Betrachter in den Sog der Gegenstände gerät, so als ob dort tatsächlich ein Sog wäre.

Die Kamera hingegen lehrt uns, wie wir ins Bild hineinschauen sollen. Wie ein Apparat, emotionslos, mit den Defekten der optischen Maschine. Es gibt perspektivische Bilder von Eberhard, in denen Möbelstücke isometrisch projiziert werden und somit etwas zeigen, was nur das menschliche Auge sehen kann, nicht jedoch der Fotoapparat.

Der Verzicht auf die Figur also: Bei Eberhard führt diese Entscheidung nicht zu einer der vielen Spielarten der Abstraktion, auch wenn diese zitathaft, als Spielmaterial, in etlichen Arbeiten in Erscheinung treten. Eberhards Medium ist seit mehr als zwanzig Jahren, in ständiger Transformation, ein Genre, das die alten Römer, Griechen und Ägypter sehr liebten, und das am Rand der Neuzeit als die große Herausforderung der Alt-Gesellen glänzt; das im 16. Jahrhundert verselbständigt wird und seit der frühen Moderne als Möglichkeit auftauchte, den visuellen Diskurs zu vergegenständlichen - Beispiele: Morandi, Picasso.

Die ersten Stillleben hat Eberhard vor genau zwanzig Jahren bei Wehr in Stuttgart und auch hier in der Kreissparkasse gezeigt. Die Objekte waren damals noch spontaner, unschärfer, persönlicher und vor allem plastischer. Das geometrische Muster war Teil der Natur. Es gab auch noch Akte, wenngleich ältere. Betrachten wir dagegen die Stilleben, die 1994 in Dortmund und 1996 in Neuss zu sehen waren, so wird man zunächst kaum einen Zusammenhang sehen. Die Objekte sind zweidimensional und sehen aus wie Scherenschnitte. Matisse fällt einem ein. Das Totsein der Natur ergibt sich aus der Symbolhaftigkeit der letztlich ihr nicht angehörenden Küchengeräte zum Beispiel.

Die Plastizität der Objekte ist aufgegeben zugunsten einer des Raumes, dessen Tiefe allerdings durch eingeschnittene Elemente irritiert wird. Dennoch ist der Raum nicht Teil der immer schon toten Gegenstände, die nur durch ihren Gebrauchswert zu leben scheinen.

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre hat Eberhard das Tableau vervollständigt und unser heutiges Bild zeigt auch diesen Schritt. Scheinbar hat Eberhard in die Raumheftigkeit eine ebenfalls unnatürliche und unserer Wahrnehmung widersprechende Darstellungsweise eingeführt - die Zentralperspektive, die zuweilen, wie gesagt, durch isometrischen Aufbau konterkariert wird, wie Eberhard stets seinen Methoden und Maltricks selbst widerspricht. um sie erkennbar zu machen. Wir sehen es sehr schön auf diesem Bild: Der Fluchtpunkt wird akzentuiert, in dem er abgedeckt wird durch ein eingeschnittenes Bild, das einen eigenen Fluchtpunkt hat, nicht grundiert ist und nur die Farbe Blau verwendet.

Was passiert nun mit der nature morte? Sie wird aufgesogen vom Fluchtpunkt, als Paradigma der universalen Materie, die von einem schwarzen Loch verschluckt und irgendwann wieder ausgespuckt wird. Die Verzerrungen der Objekte, scheinbar ein Spiel mit der Perspektive, zeigt die Angst der Welt, verschluckt zu werden. Auch dies übrigens ein Topos seit fünfhundert Jahren. Das Kataklysma. Man denke nur an die Zeichnungen von Leonardo.

An dieser Frage könnte man ansetzen: Wie kommt man Ende des zwanzigsten Jahrhunderts von der Idylle zum Weltuntergang? Ist das wirklich ein Thema?


Text zu dem Bild:

Jörg Eberhard    Alles dorthin    1998    Kunstharz auf Nessel    160 x 155 cm